Kinder zweier Welten 2008/2009

Bilder- und Wortgeschichten aus Deutschland und Chile

Ein Projekt der Volkshochschule Weimar im Jahr 2008

Im Kontext der Globalisierung „wissen“ wir  immer mehr über die „Anderen“. Durch Fernsehen und Internet bekommen wir Informationen aus fast jeder Ecke der Welt und glauben dadurch immer mehr, dass die kulturellen Grenzen leicht zu überwinden sind.
Aber sind sie das?
Wie sind andere Kulturen tatsächlich?
Wie leben die Menschen an bestimmten Orten in Europa, Afrika, Südamerika?
Wie leicht fällt es uns, mit dem „Anders­sein“ umzugehen?
Was passiert zwischen Kindern und Jugend­lichen?
Als wir von der Möglichkeit erfuhren, dass Projekte zu dieser Thematik durch den Deutschen Volkshochschulverband international gefördert werden, gab es viele Ideen, so etwas an der Volkshochschule zu realisieren. Von Vorteil war dabei, dass die Volkshoch­schule Weimar schon seit Jahren in den verschiedensten Bereichen mit Dozenten aus den unterschiedlichsten Ländern zu­­sam­menarbeitet.
So nahmen wir Kontakt auf zu Diego Villela, einem gebürtigen Chilenen, welcher an der Hochschule „Franz Liszt“ ein Ergän­zungs­studium absolviert.
Als wir die Klassenleiterin der Klasse 4b der „Park-Grundschule“, Frau Ina Wolff ansprachen, ob sie in ein solches Projekt mit einsteigen würde und ihre Zusage erhielten, wurde gemeinsam die Kon­zep­tion erarbeitet.
Inhalt des Projektes war es, Kinder und Jugendliche über die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur mit einer fremden Kultur in Kontakt zu bringen. Über das Auf­schreiben der eigenen Biografie und des Lieblingsmärchens sollten im Aus­tausch die verschiedenen Welten für die Kinder beider Regionen erlebbar gemacht werden und dadurch Brücken zum Alltag, den Gewohnheiten, den Sprachen und den Familien geschlagen werden.
Im Süden Chiles gibt es mehrere Dörfer und Gemeinschaften auf dem Land, in denen noch Ureinwohner leben. Sie heißen „Mapuche“, was in ihrer Sprache „Volk aus der Erde“ bedeutet. Obwohl sie seit Jahrhunderten von der westlichen Zivi­li­sation stark bedroht werden, konnten sie einen gro­ßen Teil ihres kulturellen Erbes bewahren. Gesprochen wird Spanisch und Mapudungün.
Ihr Verständnis der Welt ist sehr stark durch die Natur, die Umgebung und ihre Sprache geprägt. Ähnlich der Weitergabe der Volksmärchen in Deutschland bis ins 18. Jahrhundert haben die Mapuche bis heute die „mündliche Kultur“ erhalten.
Der „Budi See“ (Lago Budi) liegt im Süden Chiles, etwa 800 km von Santiago, der Hauptstadt, entfernt.
Heute leben die Ma­pu­che in Siedlungen, in denen die Schule jeweils der Mittelpunkt ist. Sie sind ein sehr armes Volk und leben vom Fischfang und von der Landwirtschaft. In der Region Lago Budi gibt es sieben Schulen und Kommunen.
Die Kinder haben sehr selten Kontakt mit Menschen aus großen Städten und es ist normal, dass sie bei den Großeltern aufwachsen, da die Eltern meist weit entfernt arbeiten müssen.
Die Kinder sprechen Mapu­dungün zu Hause und Spanisch in der Schule. So treffen zwei Welten aufeinander, die Ur-Kultur und die neue staatliche Erziehung.
Viele der Kinder müssen mehr als zwei Stunden von zu Hause zur Schule laufen. Es gibt keine befestigten Straßen und erst seit wenigen Jahren Strom.
Der Einfluss der Medien und westlichen Religionen ist heute größer als vor Jahren und bedroht langsam die eigene Kultur und Sprache. Denn nur, wenn man seine Geschichte und Traditionen erzählt und seine Sprache benutzt, behält man die eigene Identität.
Am 13. Februar 2008 fand die erste Veran­staltung mit den Weimarer Kindern statt. Diego Villela stellte das Land Chile, speziell die Region Lago Budi, in Wort, Bild und Musik vor und beantwortete viele Fragen.
In den nächsten Wochen schrieben und gestalteten die Kinder ihre Biografien und schrieben ihre Lieblingsmärchen auf. Diese wurden dann in die spanische Sprache übersetzt und nach Chile geschickt.
Die chilenischen Kinder schrieben ihre Biografien und malten Bilder zu den deutschen Märchen. Es gab Märchen, die nicht illustriert wurden, da sie sich nichts darunter vorstellen konnten.
Weiterhin schrieben die Kinder Märchen, Sagen und Erzäh­lungen aus ihrer Heimat auf. Diese wurden in einer Veranstaltung in der „Park-Grund­schule“ übergeben. Dabei gab es auch ein Video zu sehen, in welchem die Kinder aus Lago Budi ihre Region vorstellen sowie Tänze und Musikins­tru­mente ihrer Heimat zeigen.
Als alle Märchen und Sagen illustriert waren, was bedeutete, dass die deutschen Kinder sich in Sagengestalten aus einem anderen Kontinent hineinversetzen mussten, begann die Aufbereitung der entstandenen Arbeiten zu zwei Büchern – die Biografien der Kinder und die Märchen und Geschichten.
Ab 29. Januar 2009 sind im Gebäude der Volkshochschule Weimar, am Graben 6 die Ergebnisse dieses Projektes in einer Aus­stellung zu sehen.